Renthof

Wenn man langsam durch die engen Gassen der Gudensberger Altstadt geht und aufmerksam auf die vielen kleinen Details achtet, begibt man sich fast wie von selbst auf eine Zeitreise in die Vergangenheit. Straßennahmen mit historischen Bezügen lassen oft vor dem geistigen Auge Bilder einer längst vergangenen Zeit entstehen. Das soziale Leben auf engstem Raum funktionierte durch ein lebhaftes Miteinander oft am besten, auch zum Wohle aller. Ein ständiges Geben und Nehmen ermöglichte in der Regel ein Leben ohne allzu große Not. In einer Gesellschaft, in der sich viele Menschen mit allem, was sie zum Leben brauchten, selbst versorgen mussten, wurde jede Hand gebraucht. Kinderarbeit war damals notwendig,  auch wenn sie heute nicht mehr vorstellbar ist. Auch gab es damals einen, wie man heute sagt „optimalen Rohstoffkreislauf“. Als ein gutes Leben empfanden die Menschen die Jahre, in denen sie genug zu Essen, eine warme Stube und Kleidung hatten und relativ gesund waren. Besonders aber auch, wenn sie von Katastrophen, Kriegen oder sonstigen Bedrohungen von Leib und Leben verschont blieben.

Diese Gedanken sollen nur ein wenig aufmerksamen machen auf die Lebensumstände, die über Jahrhunderte die Menschen prägten.

So gelangen wir jetzt zum Beispiel über die Hornungsgasse zum Renthof. Der Name, so vermutet vielleicht so mancher Jugendliche, könnte daher kommen, dass sich hier im Hof Rentner treffen. Weit gefehlt! Es sieht noch sehr nach Baustelle aus, aber im Haus leben Menschen. Menschen, die sich entschlossen haben, hier zu wohnen, weil sie Arbeit gefunden haben und in ihrem Herkunftsland für sich und ihre Familien keine Zukunft sahen.

Der Gudensberger Renthof, bis vor wenigen Jahren noch eine Gaststätte mit dem bezeichnenden Nahmen ‚Kanone’, spielte in der Geschichte von Gudensberg eine besondere Rolle.

Auch hieß die Gaststätte einmal „Stadt Cassel“ und wurde über Generationen von der Familie Gonnermann geführt. In dieser Gaststätte fühlten sich besonders die einfachen Leute wohl. So war es nicht verwunderlich, dass sich nach sozialen Turbolenzen des 19. Jahrhunderts am 10.07.1898 in diesem Lokal unter Polizeiaufsicht von mutigen Menschen, mit Hermann Bauer an der Spitze, die SPD Ortsgruppe Gudensberg gründete.

Den nicht mehr ganz so jungen Gudensbergern wird sicher auch noch der COOP Markt ein Begriff sein. So war es auch Hermann Bauer, der zur besseren Versorgung der Arbeiter in diesem Lokal mit seinen Mitstreitern den hiesigen Konsum-Verein gründete. Als „Revolutionär“ hatte Bauer bereits seinen Arbeitsplatz in Gudensberg verloren.

In den Zeiten der Arbeitslosigkeit war auch die Stempelstelle des „Arbeitsamtes“ in der „Kanone“. Die Arbeitslosen konnten gleich ihre bescheidene Unterstützung mitnehmen. Sicher hat der eine oder andere sich gleich auch mal ein „Kännchen“ (kleines Gefäß; einfacherer, klarer Schnaps) genehmigt, um in der Runde der Schicksalsgemeinschaft wieder neuen Mut zu fasse.

Nach der schrecklichen Zeit des Nationalsozialismus begannen die Jahre des „großen Schweigens“. Das Handeln und Verhalten der Menschen war nun geprägt vom Streben, das eigene Leben wieder in geordnete Bahnen zu bekommen. So wurde die Gaststätte Gonnermann bereits am 03.11.1945, wiederum initiiert von Hermann Bauer, der Ortsverein Gudensberg, ein zweites Mal gegründet.

Auf der Suche nach dem Namen „Renthof“ muss man allerdings tief in die Vergangenheit eintauchen. Als Definition des Begriffs Rente bietet sich an:

  • Der Ertrag eines Unternehmens nach Abzug der Kosten.

In dieser Zeit, als sogenannte Renthöfe entstanden, wurden Abgaben und Steuern in sehr hohem Maße in Form von Naturalien geleistet. Das Verfügungsrecht von Grund und Boden war an eine Grundherrschaft gebunden. Der Grundherr in und um Gudensberg war überwiegend der Hessische Landgraf. Die Obernburg war einer seiner Verwaltungssitze. Den Renthof könnte man sich als einen größeren landwirtschaftlichen Betrieb vorstellen , dessen Aufgabe es war, die Bewohner und Gäste der Obernburg mit allem zu versorgen, was man bei Hofe halt so brauchte. Des weiteren hatte der Rentmeister die Aufgabe, die Abgaben, deren Höhe und Umfang von den Grundherren festgelegt wurden, anzunehmen und zu verwalten. Wenn man so will, war der Renthof also ein kleines Finanzamt.

Zum Renthof gehörten in frühen Zeiten im mittelbaren und unmittelbaren Bereich noch einige Gebäude, Scheunen, Lagerräume, Viehstelle etc. Der Renthof in seinen heutigen Proportionen ist nach dem großen Stadtbrand um 1640, wahrscheinlich unter Wiederverwendung alter Bauteile, wieder in Funktion gesetzt worden. Nun allerdings mit der erweiterten Möglichkeit ‚Hochherrschaftliche Gäste’ zu beherbergen und zu verköstigen. Die Obernburg war ja aufgrund unzureichender Unterhaltungsmaßnahmen in einen maroden Zustand gefallen.

Ein Hotel „de Lux“ sozusagen. Der Unterschied zwischen OBEN und UNTEN wurde von der Bevölkerung sicher untertänigst, ehrfürchtig und huldvoll wahrgenommen.

Wenn jemand zum Thema Renthof noch mehr wissen möchte, empfehlen sich:

  • Gudensberg Gesichter einer Stadt, von Hilde Zwingmann
  • Gudensberg Geschichte und Geschichten aus einer Nordhessischen Kleinstadt, von Friedrich Dott

Beide kann man auch beim Verein der Gudensberger Heimatfreunde e.V. ausleihen.

Renthof

 

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